Märchenhaft

Märchenfiguren auf Abwegen – AG Darstellendes Spiel der Tilemannschule führte im März Rabea Conrads „Märchen.haft“ auf.

Der böse Wolf hat die Schnauze voll. Mit Rotkäppchen läuft zunächst alles wie gewohnt und nach Plan der Brüder Grimm, jedoch meldet sich beim tierischen Lieblingsfressfeind naiver Dorfschönheiten aus heiterem Himmel die Midlifecrisis. Er hat weder Appetit auf Rotkäppchens Oma, die nach altem Lederschuh schmeckt, noch darauf, das ewige Stereotyp des Bösewichts mit haarigem und bissigem Leben zu füllen. Kurzerhand jagt der Wolf (Lev Kaptelinin) Rotkäppchen (Julie Mrochen) zum Teufel, und wie auf das Stichwort trifft er diesen kurz darauf. Auch der Teufel (Simon Kubala) hat so sein Päckchen zu tragen, ihn nervt seine Großmutter, die ihm seine drei goldenen Haare unrechtmäßig vorenthält, um die Weltherrschaft an sich reißen zu können. Teufel und Wolf in ihrem Frust sind leichte Beute für das hinterhältige Rumpelstilzchen (Tim Stibane), das sie für seinen ganz eigenen Traum von der Macht für sich gewinnen will. Selbstverständlich treten in dieser rasanten Dekonstruktion altbekannter Sachverhalte noch viele weitere Märchenfiguren auf. An alle diese wohlbekannten Verkörperungen charakterlicher Eigenschaften hat das Publikum vorgefasste Erwartungen, wie sie sich laut Skript der Brüder Grimm zu verhalten haben. Wird die Erwartung erfüllt? Spoiler: Am Schluss landen alle außer Teufels Oma und Sterntaler im Verlies. „Märchen.haft“, ein Theaterstück in drei Akten und 24 Szenen erfährt seine zweite Aufführung durch die AG Darstellendes Spiel ,nachdem es schon einmal 2013 auf dem Spielplan der Schülerinnen und Schüler stand. Rabea Conrad, die Autorin des Stücks und ehemalige Tilemannschülerin, nimmt die beim Publikum quasi automatisch und „auf Sicht“ eingestellten Voreingenommenheiten und schüttelt sie kräftig durch – die Böse Königin (Selina Baer), die Stiefmutter (Viktoria Schäfer), die Hexe (Luise Weinland), Aschenputtels Stiefschwester (Jana Gebhardt) und Pechmarie (Ayleen Knödler) lästern ausgiebig über ihre guten Antagonistinnen und irgendwie wirken sie dabei sehr reflektiert, wohingegen die Good Girls Schneewittchen (Emilia Biedert), Goldmarie (Louise Hingott) und Aschenputtel (Elisa Kirchner) eher wie  motzige Gören aus Germany’s Next Topmodel nach nicht erhaltenem Foto rüberkommen. Froschkönig (Noah Kossek) und Esel (Leonard Elias) bereichern mit einer guten Portion tierischem Dadaismus und wer bei Hänsel und Gretel (Lia Kurzius und Clarissa Haubrich) an Bonnie und Clyde denkt, liegt nicht ganz falsch. Der liebeskrank-verpeilte Prinz (Leon Kurzius), das großmäulige tapfere Schneiderlein (Joel Stambke) und der eilfertige Hans im Glück (Katharina Lange) arbeiten alle mehr oder weniger willfährig Teufels Großmutter (Nele Biedert) zu, die plant, in einer Welt ohne Märchen, ohne Stereotype und vermutlich ohne Fantasie, die Alleinherrscherin zu sein. Um dies zu erreichen, schickt sie nach und nach alle, die sich ihrem Plan widersetzen, ins Verlies und erst an diesem trostlosen Ort ist es überraschenderweise Sterntaler (Audrey Ray Swillus), die märchenhafte Realität und Gegebenheiten zurechtrückt und vor allem den völlig verwirrten Märchengestalten wieder Orientierung gibt. „Macht macht nicht groß, sie macht einsam“, sagt Sterntaler, vor allem wenn alle Beherrschten irgendwann eingesperrt sind. Eine Erkenntnis, die heute nicht aktueller sein könnte in einer Welt, in der autoritäre Greise Allmachtsfantasien pflegen – „Eine Großmutter als Weltherrscherin, das hat man noch nie gesehen!“ Spricht des Teufels Großmutter und das Publikum schüttelt wissend um die Ironie dieser Aussage den Kopf. Die Stimme aus dem Off (Fiona Kossek), die Märchenerzählerin sozusagen, entlässt das Publikum schlussendlich jedoch beruhigt, den Märchenfiguren geht es gut, und sie werden lernen klarzukommen in einer Welt, in der jeder so sein darf, wie er ist und niemand versucht, jemanden zu fressen.

Rabea Conrads „Märchen.Haft“, von der AG Darstellendes Spiel unter Leitung von Claudia Kim zur Aufführung gebracht, ist das diesjährige Gesamtkunstwerk von Schülerinnen und Schülern der Klassen 7 bis 13. Nicht nur das Einstudieren der Rollen, die vielen Proben, die Organisation von Einlass und Pausenbewirtung sowie alles, was zu einer Theateraufführung gehört, sondern auch die gesamte Bühnentechnik wird von den Schülerinnen und Schülern nebst dem ein oder anderen Ehemaligen selbst gestemmt. Dass bei aller Ernsthaftigkeit und Aktualität der Thematik auch der Spaß am Theaterspielen und Theatermachen nicht zu kurz kommt merkt man allen Beteiligten durchweg an.

Text + Foto: Luise Kreckel

Traurige Märchenfiguren im Verlies.